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Bewerbungen und Mappensichtungen — Was darf ich von einem Verlag erwarten?

Folgender Text erschien 2015 auf der Comicinfoplattform Dreimalalles. Da die Plattform inzwischen eingestellt wurde und ich glaube, dass der Text nach wie vor einen Mehrwert hat, habe ich mich dazu entschlossen ihn in überarbeiteter Form hier noch mal zu veröffentlichen.

Fast alle angehenden Illustrator*innen und Comicschaffenden haben sie schon einmal erlebt: Die Mappensichtung.
Ob bei der Präsentation des Portfolios an Universitäten, Fachhochschulen oder Agenturen oder eine Mappensichtung auf Fachmessen, im Laufe der Jahre werden die eigenen Arbeiten von vielen Augen bewertet und eingeschätzt. 
Ich habe schon viele Artikel oder Vorträge gesehen, in denen angehenden Zeichner*innen Tipps und Richtlinien für die Bewerbung bei Verlagen und anderen Institutionen nahegebracht werden. Und diese Richtlinien sind auch nötig, wenn man bedenkt, dass manche Redaktionen Telefonkritzeleien auf karierten Papier als ernst gemeinte Bewerbung in die Hand gedrückt bekommen. Ohne Zweifel, es ist kein einfacher Job und es gibt Grenzüberschreitungen, die nicht nur die Aussichten auf eine Zusammenarbeit schmälern, sondern auch menschlich nicht tolerabel sind. Als Gegenstück dazu möchte ich heute über etwas schreiben, was selten thematisiert wird: Bewerbungen aus der Sicht der Bewerbenden.
Im Laufe der Jahre habe ich schon an unzähligen Mappensichtungen und Bewerbungen teilgenommen. Manche waren hilfreich, manche weniger. Letztere möchte ich hier behandeln.
Als Bewerber*in befindet man sich subjektiv gesehen in der bittstellenden Position. Es wird zurecht erwartet, dass man eine bestimmte Etikette einhält und sich sozial kompetent benimmt. Aber wie ist es mit der Gegenseite? Ist diese völlig befreit von Regeln des menschlichen Miteinanders?
Ich finde, es ist an der Zeit gewisse Aspekte anzusprechen, die mir und Kolleg*innen bei Bewerbungen und Mappensichtungen wiederholt aufgefallen sind. Nachfolgende Punkte beruhen nicht nur auf meiner eigenen Erfahrung und behandeln keinesfalls nur Verlagshäuser aus Deutschland.
Sehr geehrte Redaktionen und Mappenkritiker*innen!

  • Seien Sie ehrlich, was die Gründe der Ablehnung angeht! Die Arbeitsproben passen nicht zum Verlag, sie sind noch nicht professionell genug oder es gibt andere Gründe, weshalb die Bewerbung abgelehnt wird? Dann vermitteln sie diese Gründe und nicht andere. Nicht nur einmal ist es passiert, dass man als Zeichner*in Sätze hört wie “Wir machen nur Lizenzprodukte” oder “Fantasy geht gar nicht”, um entweder später oder sogar im selben Moment festzustellen, dass der Verlag sowohl einheimische, als auch Fantasycomics herausgibt. Der Zeichner kann nach dieser Feststellung nur Vermutungen anstellen, weshalb seine Arbeit abgelehnt wurde und lernt nichts daraus.
  • Ehrlich ist ungleich beleidigend. Wer zu einer Portfoliosichtung geht, sollte sich logischerweise auf Kritik einstellen. Direkte Kritik ist oft schmerzhaft, im besten Fall jedoch hilfreich. Was jedoch nicht hilft, ist, wenn die Form der Kritik ins Beleidigende abrutscht. Aussagen wie  “Ich finde die Zeichnungen scheiße.” sind respektlos und besonders demotivierend im Bereich der Nachwuchsförderung. 
  • Bitte mehr Kritik mit Fachkenntnis. Meine hilfreichsten Mappengespräche waren diejenigen, welche meine Arbeiten kritisch auseinandergenommen haben und konkret auf bestimmte Punkte eingegangen sind. Es kommt jedoch auch vor, dass diejenigen, die Portfolios bewerten, keine Fachkompetenz in dem Bereich aufweisen. Das wird zum Problem, wenn eine Fachkompetenz suggeriert wird. Das reicht von unzureichenden Kenntnissen über Anatomie oder Perspektive bis hin zum Nichtlesenkönnen von Skizzen oder dem Fehlen von einem Vokabular, was Bildsprache angeht, was in der Interpretation Fragen aufwirft (Beispiel: Diese Zeichnung ist mir zu “kindisch”. Bei konkreter Nachfrage kam es schon mal vor, dass so eine Aussage nicht begründet werden konnte). Oft wird dann aus “dem Bauch heraus” beurteilt und der eigene Geschmack wird zum einzigen Maßstab wie z.B. “ich mag diese großen Augen nicht” oder “hier ist mir zu viel Lila”. Wenn Mappensichtungen zum Zwecke der Förderung neuer Talente und als Projektakquise durchgeführt werden, sollte man sich mit Zielgruppeineinordnung, verschiedenen Kunststilen und zumindest mit dem Basisvokabular für Bildanalyse beschäftigen.
  • Schmutzige Witze oder Anzüglichkeiten sind ein No-Go! Was eigentlich auch ausserhalb von Bewerbungssituationen selbstverständlich sein sollte, ist hier noch ganz anders problematisch. Mir ist es nicht nur einmal passiert und auch nicht nur bei männlichen Mappensichtern, dass ich mit Sprüchen konfrontiert wurde, die mich in Verlegenheit gebracht haben. Von “als ich Deine Mappe gesehen habe, wäre ich beinahe gekommen” bis zur Frage, ob ich auch als Domina arbeite, weil ich eine Pin-Up-Illustration von Betty Page mit Peitsche im Portfolio hatte. Vielleicht waren beide Sprüche witzig oder auflockernd gemeint. Auf Jemanden, der gerade sehr wahrscheinlich  in einer Stresssituation steckt, wirken zweideutige, anzügliche Witze von völlig Fremden nicht wie ein Eisbrecher, sondern belasten. Und nein, auch SIE sind keine Ausnahme und “dürfen” das trotzdem! Vergessen Sie nicht, dass die Machtverhältnisse zwischen den beteiligten Personen hier nicht ausgeglichen sind. Die Bewerbenden müssen sich zweimal überlegen, wie man auf so einen Spruch reagiert, schliesslich geht man mit dem langfristigen Ziel zu so einem Gespräch, um einen Job zu bekommen. Dasselbe gilt für direkte Flirtversuche. Mappensichtungen sind keine Sichtungen für ihr Beuteschema. Seien Sie sich darüber im Klaren, dass die Zeichencommunity inzwischen besser vernetzt ist und sich über Grenzüberschreitungen austauscht.
  • Es geht nicht um Sie! Sie hatten selbst einmal eine Karriere als Zeichner, von der Sie gerne erzählen? Das zu erwähnen, kann wiederum als Eisbrecher funktionieren. Doch eine Mappensichtung oder Bewerbung ist der falsche Zeitpunkt dem Gegenüber einen ausgedehnten Plausch über sich selbst aufzudrängen. Das ist zweckentfremdend, besonders dann, wenn für Sie schon feststeht, dass die Bewerbung nicht angenommen wird.
  • Lassen Sie E-mails und Kontaktanfragen nicht ewig unbeantwortet! Hiermit meine ich nicht unaufgefordert eingesandte Bewerbungen, auch, wenn man durchaus diskutieren sollte, ob man diese auch nach einem bestimmten Zeitraum beantworten sollte. Ich rede von den Fällen, in denen Sie den Bewerber gebeten haben sich noch einmal zu melden und konkret Hoffnungen auf eine Zusammenarbeit gegeben haben. Mir ist klar, dass es im täglichen Verlagsgeschäft sehr wenig Zeit gibt. Aber ein kurzer Satz wie “Ich habe die Bewerbung bekommen und habe gerade leider keine Zeit.” kostet nur wenige Sekunden. Auch, wenn man als Redakteur merkt, dass man selbst noch keine weiteren konkreten Auskünfte geben kann, reicht ein kurzer Satz, um den Bewerbenden nicht im Unklaren zu lassen und ihn daran zu hindern, sich an anderer Stelle zu bewerben. Seien Sie transparent. Erwähnen Sie ruhig, dass das Projekt noch von der Marketingabteilung, dem Vertrieb und/oder der Hauptredaktion begutachtet werden muss. Besonders, wenn die Wartezeit sich über mehrere Monate streckt. Mir wurde auch schon von Bewerbungen erzählt, die erst nach mehreren Jahren beantwortet wurden.
  • Vergessen Sie nie: Sie sind der Gatekeeper. Sie stehen zwischen den hoffnungsvollen Träumen eines Bewerbers und einer erfolgreichen Karriere. Ungeachtet dessen, wie es um das Talent der Bewerbenden steht, ob man ins Verlagsprogramm passt oder nicht. Ihre Worte sind wichtig. Sie haben Verantwortung. Und deswegen klingt mein abschliessendes Fazit, wie etwas, was man Bewerbenden selbst gerne auf den Weg gibt: Bitte geben Sie sich Mühe!