Hallo Ihr alle,

wie so oft wurde dieses launige Zwiegespräch zwischen Ngumbe und Herr Piepenbrock inspiriert durch einen realen Debattenverlauf, den ich in letzter Zeit beobachte.

Es ist jetzt rund ein Jahr her, dass die Anschläge auf Charlie Hebdo stattfanden und damit unter Anderem eine Diskussion zum Thema “Satire” in der Öffentlichkeit ausgelöst wurde. Auseinandersetzung ist wichtig, dachte ich damals und das denke ich auch noch heute. Doch nach einem Jahr sehe ich auch, dass bei Vielen aus dieser Debatte eher das Oberflächlichste hängengeblieben ist.

Es ist nicht ungewöhnlich, dass es  in Kommentarfeldern zu bestimmten Cartoons, Videos, Artikeln u.ä. zu Streit über den Inhalt kommt. Immer häufiger lese ich, dass Kritikern der Satz “Satire darf alles!” entgegengehalten wird.

Und mit dieser pauschalen Anwendung des Zitats habe ich ein Problem. Ein Definitionsproblem.

Zunächst ist es für die Gültigkeit des Zitats wichtig zu überlegen: Ist das, worüber wir hier sprechen überhaupt Satire?

Dafür schauen wir uns die Definition von “Satire” einmal an.

Wikipedia  sagt “Satire ist in der älteren Bedeutung des Begriffs eine Spottdichtung, die Zustände oder Missstände in sprachlich überspitzter und verspottender Form thematisiert.”Laut Duden ist Satire:

Kunstgattung (Literatur, Karikatur, Film), die durch Übertreibung, Ironie und [beißenden] Spott an Personen, Ereignissen Kritik übt, sie der Lächerlichkeit preisgibt, Zustände anprangert, mit scharfem Witz geißelt.

Nehmen wir nun z.B. diesen YouTuber, der vor einigen Monaten in einem Video aufforderte alle streikenden Lokfahrern im Konzentrationslager zu vergasen. Übte er also auch eine “Geißelung mit scharfem Witz”?

Zur Klärung hilft es hierbei auch heranzuziehen, was Satire NICHT ist. Nicht umsonst gilt in Deutschland der Straftatbestand der “Volksverhetzung”, verwandt mit dem Englischen “hate speech”, Hassrede.

Laut Wikipedia bezeichnet diese “sprachliche Ausdrucksweisen von Hass mit dem Ziel der Herabsetzung und Verunglimpfung bestimmter Personen oder Personengruppen. Der Begriff wird nicht immer gleich weit gefasst: So wird oft das Ziel der Hassredner, die Verunglimpften auszugrenzen oder sogar Gewalt gegen diese auszuüben, in den Vordergrund gestellt.”

Und genau aus diesem Grund wurde gegen den YouTuber polizeilich ermittelt. Nicht wegen Satire, sondern wegen Volksverhetzung und Beleidigung.

Der nächste Punkt betrifft den Kontext des Zitats von Tucholsky. Das Zitat aus seinem längeren Manifest “Was darf Satire?” stammt von 1919. Satirezeitschriften konnten zu Zeiten der Weimarer Republik zensiert und angezeigt werden, oft wurden Gefängnisstrafen verhängt, die Künstler waren der Willkür einer konservativen Staatsgewalt ausgesetzt. Später mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurden regimekritische Künstler u.a. in Konzentrationslagern ermordet.

Glücklicherweise ist das 2016 in Deutschland nicht der Fall. Wir leben in einer Demokratie in der ein Künstler sich satirisch äussern kann und ich kann ihn dafür kritisieren, ob ich seine Äusserung z.B. rassistisch oder anders unangebracht halte. Beides fällt unter Meinungsfreiheit.

Und das ist für mich ein wichtiger Punkt. Kritikern eines Werks pauschal “Satire darf alles!” als Abwehr zur Kritik entgegenzuschleudern schadet der Kunst der Satire letztendlich mehr, als sie ihr nützt. Die Anwendung des Zitats ist aus oben genanten Gründen oft am Punkt vorbei, sie will eine Diskussion beenden, anstatt sich mit dem Inhalt oder einer gegensätzlichen Sichtweise auseinanderzusetzen.

Satire muss sich austesten und Satire muss sich weiterentwickeln. Und dafür braucht es die kritische Auseinandersetzung. Es braucht keine immergleichen Floskeln, die uns in einem zurechtgelegtem Weltbild wiegen. Wollen wir ernsthaft diskutieren, müssen wir uns immer neu mit jedem Werk auseinandersetzen.

Satire darf alles. Auch kritisiert werden.