In diesem Blogeintrag möchte ich mich meinem digitalen Arbeitsprozess und den technischen Geräten widmen, die ich dazu benutze. Bevor ich anfange, hier noch ein Hinweis: Niemand, weder Microsoft noch Wacom, noch Manga Studio hat mich dazu aufgefordert diesen Beitrag zu schreiben. Ich schreibe diesen Artikel, da mich immer mehr Kollegen zu meinem digitalen Arbeitsprozess befragen. Vielleicht kann ich hiermit ein paar Unsicherheiten beseitigen. Ausserdem möchte ich kurz erwähnt haben, dass mir sämtliche PC vs. Mac-Debatten relativ egal sind. Ich benutze beides und bin weder Fan, noch Hater eines Produkts. Für mich zählt nur, ob ich gut darauf arbeiten kann.

Vor einem Jahr bin ich darauf übergegangen nicht nur meine Ponyhof-Strips, sondern auch einen großen Teil meiner Illustrationsarbeit hauptsächlich digital umzusetzen. Grund dafür war hauptsächlich das Argument der Zeitersparnis. Das langfristige Einscannen, das anschliessend lästige Reinigen des Scans und die komplizierteren Nachkorrekturen am Bildschirm sollten der Vergangenheit angehören.

Mein Arbeitsprozess

Mittlerweile mache ich nur noch die Vorzeichnung des Ponyhof-Strips mit dem Bleistift. Ich zeichne eine Miniskizze in der Größe 13,3cm x 4,5cm. Theoretisch könnte ich die Vorzeichnung auch digital machen, aber ich persönlich habe das Gefühl, dass mein Ausdruck im Bleistiftstrich noch etwas besser rüberkommt. Das ist also eine persönliche Vorliebe und bestimmt auch Übungssache.

skizze

Meine Vorzeichnung, roh und unbearbeitet

Diese Skizze scanne ich ein und skaliere sie hoch in eine Panelvorlage, die ich mir in Manga Studio 5 EX angelegt habe.  Dort wandle ich die importierte graue Zeichnung per “Color Balance”- Befehl in eine blaue um, damit ich die Vorzeichnung beim Drübertuschen besser sehe und reduziere die Deckkraft der Ebene etwas. Daraufhin tusche ich den Strip auf einer weiteren Ebene und koloriere ihn ebenfalls digital.

Kommen wir nun zu der…

Technik!

Aufgrund eines Microsoft-Firmenevents bei dem ich als Live-Zeichnerin gebucht worden war, hat man mir vor Kurzem ein Surface Pro zur Verfügung gestellt. Da ich bereits Nutzerin eines Cintiq 13 HDs bin, möchte ich die Gelegenheit für einen Vergleich nutzen. Hierbei sollte man beachten, dass das Cintiq 13 HD kein eigenständig funktionierendes Tablet ist, sondern nur im Anschluss an einen Computer funktioniert. Der Cintiq 13 HD und das Surface Pro (Generation 1) sind in etwa ähnlich im Preis. Der direkte Vergleich zum Surface Pro wäre der Cintiq Companion. Letzteres läuft auch mit Windows 8 und ist dem Surface der 1. Generation mit einem schnelleren Prozessor und mehr RAM technisch überlegen. Und natürlich ist es im Gegensatz zum Surface auch auf seine Hauptverwendung als Zeichengerät ausgerichtet, d.h. es gibt einen griffigeren Stift und Express-Keys an der Seite. Es ist ausserdem etwas größer, wie man auch im untenstehenden Foto erkennen kann. Allerdings ist es dafür auch gleich um die 1000 Euro teurer.

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In trauter Nachbarschaft: Links das Surface, rechts das Cintiq 13HD.

Meiner Meinung nach bietet das Surface Pro für all diejenigen, die gerade keine 1900Euro ausgeben können, eine echte Alternative. Natürlich gibt es hierbei auch jede Menge persönliche Vorlieben zu beachten. Jemand, dem z.B. das Cintiq 13 HD bereits latent zu klein ist, wird mit dem Surface kaum glücklich werden. Ich zeichne gerne klein, insofern stört mich das nicht. Und falls mich die Sehnsucht nach einer grösseren Bildfläche packt, kann ich das Surface dekandenterweise mithilfe des USB-Anschlusses und des MiniDisplay-Ports an den grossen Cintiq 24 HD im Atelier anschliessen.

Auch bei den Stiften gibt es ein paar Unterschiede. Der Surface- Stift liegt nicht ganz so griffig in der Hand wie der breitere Wacom-Stift mit der Gummibeschichtung. Mich persönlich stört das nicht. Die Radierspitze ist auch etwas gröber, bzw. nicht so rund wie beim Wacom-Stift. Der größte Nachteil für mich ist allerdings, dass es für den Surface-Stift keine austauschbaren Stiftspitzen zu geben scheint. Ich benutze beim Wacom die sogenannten “Gummibobbelspitzen”, bzw. “flex nibs“. Diese verfügen über eine Gummispitze, wodurch sich das Zeichnen auf der glatten Monitoroberfläche nicht ganz so anfühlt wie Schlittschuhlaufen. Angeblich passen die Stiftspitzen für den Bamboo Stylus feel pen, aber das habe ich bisher selbst noch nicht ausprobiert. Ich werde es hier updaten, wenn es dazu kommt.
Auch das ist für mich jedoch kein Weltuntergang und es gibt jede Menge Zeichner, die überhaupt keinen Unterschied bei den Stiftspitzen merken.

Eine weitere häufig gestellte Frage ist die der Druckempfindlichkeit. Und, JA, das Surface verfügt über 1024 Druckstufen, die Cintiqs über 2048. Einen grossen Qualitätsunterschied kann ich allerdings nicht merken. Um die Druckempfindlichkeit für Adobe- Produkte zu aktivieren, sollte man übrigens sichergehen, dass man sich folgenden WinTab-Treiber runterlädt. Tatsächlich funktioniert MangaStudio sogar ohne diesen Treiber.

Ein klarer Vorteil des Surface ist für mich die gemütlichere Portabilität. Ich kann das Tablet mit oder ohne Tastatur auf meinen schrägen Zeichentisch legen und damit ergonomisch angenehm arbeiten. Der Cintiq 13HD in Kombination mit meinem Laptop nimmt wesentlich mehr Platz in Anspruch und ich habe noch keine effiziente Anordnung von Tastatur und Tablet gefunden. Das Surface ist somit durch seine Eigenschaft als All-In-One-Gerät leichter zu transportieren, als Laptop plus Cintiq-Monitor.

My Love for Manga Studio! (♥ω♥*)

Die Zusammenarbeit des Surface mit Manga Studio 5EX ist insgesamt sehr überzeugend. Meiner Meinung nach ist Manga Studio 5 tuschemäßig Photoshop um Längen voraus. Die Strichführung fühlt sich wesentlich flüssiger an. Die Auswahl der Tuschewerkzeuge ist auch sehr umfassend. Wer dennoch mehr Auswahl bevorzugt, dem empfehle ich den Erwerb der Frenden Brushes. Ich benutze dort die “Inker-Brush”- Pinselspitze, da sie meiner Vorliebe für einen dynamischen Pinselstrich am nächsten kommt. Ich arbeite in 400-600 dpi und die Bearbeitung meiner Dateien schafft das Surface problemlos. Mit der “Story”-Funktion in der EX-Version von Manga Studio 5 kann ich die Seiten meines Langcomicprojekts ausserdem ähnlich verwalten wie bei InDesign, was mir als Freund von Übersichtlichkeit sehr zugute kommt.

Auch preislich sehe ich für Manga Studio 5 einen klaren Vorteil gegenüber Photoshop. Im Moment bezahlt man für die Nutzung der Photoshop Creative Cloud ca. 12 Euro. Manga Studio 5 gibt es für 50 Dollar, die EX-Version für 209 Dollar (und hier gibt es öfters SALES nach denen man Ausschau halten sollte). Leider bietet Smith Micro im Moment keine digitalen Download der Programme mehr an, daher muss man noch etwas Zoll miteinberechnen. Erkundigt Euch ausserdem zu den sogenannten “Vorlageprovisionen” der Paketdienste. Die sind, soweit ich weiß, nicht rechtskräftig.

Was mich allerdings voll überzeugt hat, ist, dass Manga Studio ein Programm ist, das für Comiczeichner geschaffen wurde. Es gibt Hilfslinien in allen Formen, Perspektivlineale (3-Punkt-Perspektive, du machst mir keine Angst mehr!!), es gibt Sprechblasen-Tools, die man entweder vorgefertigt oder freihändig verwenden kann, es gibt eine Bibliothek an 3D-Gliederpuppen, falls man so etwas benutzen möchte usw. Die genauen Unterschiede zwischen der normalen und der Profi-Version von Manga Studio 5 finden sich hier. Für mich war der Schritt zur Profi-Version schon deswegen nötig, da sich die Lettering-Funktion in der normalen Version für mich als fast unbrauchbar darstellte. Bei meinen Comiccraft-Schriften waren keine Schriftschnitte lesbar, ebenso war keine Einstellung der Zeichenabstände möglich. In der EX-Version sind diese Probleme behoben, allerdings bleibt eine andere Merkwürdigkeit. Manchmal werden die Zeichen am Textkastenrand “abgeschnitten”. Erst bei erneuter Eingabe verschwindet dieser Fehler.

Insgesamt gesehen hat der Umstieg von analog zu digital für mich in Sachen Effizienz ein Riesenunterschied gemacht. Und dank Manga Studio und den Tablets kann ich genau die Resultate erzielen, die ich sonst mit Papier und Pinsel bekommen habe. Das untenstehende Bild zeigt eine Seite meines Langcomic, den ich bis auf die Skizzen voll digital realisiere.

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Text: Rich Stevens; Zeichnung, Tusche, Kolorierung, Lettering: Sarah Burrini mithilfe von MangaStudio und Surface/Cintiq

Soweit zu meinem Arbeitsprozess im Jahre 2014. Ich hoffe, ich konnte damit ein paar Fragen zu den digitalen Zeichengadgets beantworten. Und wenn die Apokalypse kommt und das Stromnetz zusammenbricht, haben wir zum Glück immer noch Stift und Papier…